Gesundheit fördern Pflege stärken Qualität sichern
Gesundheit fördern     Pflege stärken     Qualität sichern

Notaufnahme sticht Hausarztpraxis – Beweggründe von Patienten mit geringer Behandlungsdringlichkeit

Schwer verfügbare Haus- oder Facharzttermine und die qualitativ hochwertige Versorgung im Krankenhaus sind zwei der prominentesten Beweggründe für Patienten die Notaufnahme einer Klinik aufzusuchen. Forscher rund um Martin Möckel, den ärztlichen Leiter der Rettungsstelle am Campus Charité Mitte und dem Campus Virchow Klinikum, haben diese und weitere Motive von Patienten eine Notaufnahme aufzusuchen näher unter die Lupe genommen. Freiberuflich Pflegende finden hier die Ergebnisse der Studie in aller Kürze.

 

Deutsche Patienten suchen mit einer jährlichen Steigungsrate von 5% vermehrt die Notaufnahme auf; jährlich ca. 10 Millionen. Dabei ist dies in ca. einem Drittel der Fälle durch ein Aufsuchen von Haus- oder Fachärzten vermeidbar (Möckel 2016). Daraus resultieren u.a. gesamtgesellschaftlich, finanzielle Belastungen und längere Wartezeiten für Patienten, die als wirklicher Notfall gelten. Daneben wird das pflegerisch-medizinische Outcome verschlechtert, da es infolge langanhaltend, großer Patientenströme zu Konzentrationsstörungen kommt woraus sich wiederrum eine Verschlechterung der Versorgungsqualität ergibt.

 

Motive der Patienten verstehen um einen Teufelskreislauf zu durchbrechen

Forscher der Charité in Berlin haben nun die Beweggründe von Patienten im städtischen und ländlichen Bereich für das Aufsuchen einer Notaufnahme untersucht. Insgesamt wurden zwischen April 2014 und April 2015 in drei Notaufnahmen 40 weibliche und 24 männliche Patienten mittels eines halbstrukturierten Leitfadeninterviews befragt. Die Patienten wurden mittels des Manchester Triage Systems nach ihrer Behandlungsdringlichkeit beurteilt (Krey 2010). Es wurden lediglich Patienten mit einer niedrigen Dringlichkeit d.h. Stufe 4 und 5 befragt. Die Interviews wurden direkt im Wartebereich oder im Behandlungszimmer durchgeführt.

 

Die transkribierten Daten wurden anonymisiert mittels MAXQDA ausgewertet.

Zwischen Bequemlichkeit und Angst: Motive für Besuch in Notaufnahme

47% der befragten Patienten waren Angestellte, 19% Auszubildende, 14% Selbstständige, 14% Pensionäre und 6% Arbeitslose bzw. –suchende.

Die Forscher identifizierten drei Zugangswege in die Notaufnahme:

  1. Direkter Besuch der Notaufnahme
  2. Besuch der Notaufnahme nach erfolglosem Versuch einen Arzt außerhalb des Krankenhauses aufzusuchen
  3. Besuch der Notaufnahme auf Empfehlung eines Arztes von außerhalb

In allen drei Zugangswegen wurden zwei gemeinsame Hauptmotive identifiziert: Bequemlichkeit und Sorge um die Gesundheit.

Mit Bezug auf die Zugangswege und die Hauptmotive wurden Kategorien gebildet, welche das Spektrum der Beweggründe der Patienten mit geringer Behandlungsdringlichkeit zum Aufsuchen einer Notaufnahme abbilden. Diese werden nachfolgend kurz aufgeführt:

  1. „Doc to Go“: Die Patienten dieser Gruppe können dem spontanen Besuch in der Notaufnahme mehr abgewinnen, als einem geplanten Termin beim Arzt. Dies gilt auch dann, wenn sie lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Patienten dieser Gruppe sind überwiegen jünger, gesünder und beschäftigter. Sie verfügen im städtischen Bereich teilweise keinen Hausarzt, da sie dies für nicht notwendig erachten.
  2. „Röntgen erforderlich“: Die Patienten dieser Gruppe, welche ausschließlich im ländlichen Bereich zu finden sind, sind der Ansicht es sei eine bildgebende Diagnostik notwendig. Alle Patienten haben zwar eine gute Verbindung zu ihrem Hausarzt, sind aber der Ansicht bei ihrem aktuellen Besuch auf die volle Ausstattung des Krankenhauses zurückgreifen zu müssen, um schnellstmöglich eine Diagnose stellen zu können. Patienten dieser Gruppe wurden zumeist von Angehörigen mit dem Auto zur Notaufnahme gefahren.
  3. „Suche nach hohem medizinischen Standard“: Die Patienten dieser Gruppe suchen aus Sorge um ihre Gesundheit explizit nach einem höheren medizinischen Standard. Sie sind überwiegend älter, haben einen Migrationshintergrund und sind weniger gesund. Sie befinden sich daneben zumeist bereits in einer Therapie, da sie entweder bereits unter schwerer Krankheit gelitten haben oder ein chronisches Krankheitsbild aufweisen. Die Patienten dieser Gruppe sehen es als vorteilshaft an, im Gegensatz zum Besuch beim Hausarzt, im Krankenhaus gleich mehrere Spezialisten zur Hand zu haben.
  4. „Angstgetriebene Besuche“: Die Patienten dieser Gruppe zeigen sich in erster Linie besorgt bis ängstlich sowohl bezüglich ihrer Gesundheit als auch einer potentiellen Reduktion der individuellen Lebensqualität. Viele Patienten blicken auf eine Odyssee an Arztbesuchen zurück. Im städtischen Bereich zählen viele der Migranten zu dieser Gruppe.
  5. „Erfolgsloser Haus- oder Facharzt-Besuch“: Die Patienten dieser Gruppe suchen das Krankenhaus infolge eines erfolglosen Haus- oder Facharztbesuchs auf und lassen sich in zwei Subgruppen einteilen:
    1. Nicht akut: Patienten dieser Gruppe haben keinen zügigen Termin beim Haus-bzw. Facharzt erhalten und möchten eine frühere diagnostische oder fachärztliche Begutachtung wahrnehmen. Daher suchen sie, obwohl es nicht dringend ist, die Notaufnahme auf.
    2. Akut: Patienten dieser Gruppe suchen die Notaufnahme auf, da sie der Ansicht sind aus gesundheitlichen Gründen schnellstmöglich eine Behandlung zu benötigen.

Bei einigen Patienten ist eine Zeitspanne von Stunden, bei anderen von Wochen, seit dem Auftreten der Symptome bis zum Aufsuchen der Notaufnahme vergangen. Einige Patienten haben zuerst ihre Arbeit beendet, wodurch die Arztpraxen geschlossen waren, sodass sie in Folge das Krankenhaus aufsuchten.

  1. „Überweisung von Hausarzt“: Die Patienten dieser Gruppe kommen auf Empfehlung ihres Hausarztes in die Notaufnahme. Dabei stehen zeitliche Gründe oder herausfordernde Symptom im Vordergrund

Aus den Beweggründen lassen sich Strategien ableiten, die einem nicht dringlich einzustufenden Patientenstrom in deutschen Notaufnahmen Einhalt gebieten kann. Neben telemedizinischen Angeboten könnte so z.B. auch eine vorhergehende telefonische Beratung hilfreich sein.

Insgesamt, so die Autoren der Charité, erfordert ein Herabsenken der Patientenzahlen in deutschen Notaufnahmen weitreichende Veränderungen des gesamten Gesundheitssystems.

 

Quellen

Krey J (2010) Aufbau des MTS. URL: www.ersteinschaetzung.de/content/aufbau-des-mts (letzter Zugriff: 24.12.2016).

Möckel M (2016) Notaufnahme statt Hausarzt. Pressemitteilung der Charité Universitätsmedizin Berlin. URL: www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/notaufnahme_statt_hausarzt/ (letzter Zugriff: 24.12.2016).

Schmiedhofer et al. (2016) Patient motives behind low-acuity visits to the emergency department in Germany: a qualitative study comparing urban and rural sites. BMJ Open 6(11): e013323 doi:10.1136/bmjopen-2016-013323.

 

 

Notaufnahme sticht Hausarztpraxis – Beweggründe von Patienten mit geringer Behandlungsdringlichkeit
Autor: Jörg Schmal
BVfbPKNewsletter_Notaufnahme_Schmal_Joer[...]
PDF-Dokument [250.5 KB]

Bundesverband freiberuflicher Pflegefachkräfte e.V.
Theodor-Heuss-Allee 112
60486 Frankfurt

E-Mail: info@bvfpk.de

Kontakt:

 

Telefon: 069 - 66 77 41 - 197

Fax: 069 - 66 77 41 - 198

Bankverbindung:

 

Frankfurter Sparkasse

Ktnr. 0200500821

Blz.   50050201

IBAN DE36 5005 0201 0200 5008 21

BIC HELADEF1822

NEWSLETTER

einfach bestellen:

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Bundesverband freiberuflicher Pflegefachkräfte